Eine neue Rezension des Konzerts von Nikolai Medvedev. In der Zeitung «Berliner Morgenpost»

  • Автор записи:
  • Рубрика записи:News

„Russische Pianisten, so sagt man, spielen zumeist sehr emotional, mit großem romantischem Ton und nehmen sich viele Freiheiten, was das Tempo betrifft. Der 1986 in Krasnodar geborene Nikolay Medvedev, der wie Daniil Trifonov bei Tatiana Zelikman in Moskau studierte und seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs in Berlin lebt, ist der absolute Gegenentwurf zu diesem Klischeebild.
Sein Spiel ist von kristalliner Klarheit geprägt, das im Forte auch mal metallisch-kantig klingen kann. Zu erleben war, das direkt in seinem Eröffnungsstück, J. S. Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge“. Viele Pianisten interpretieren den Fantasie-Teil des Stücks sehr expressiv, sehr frei, sehr romantisiert. Medvedev spielt sie eher nüchtern, rhythmisch federnd, streng am Notentext orientiert, dynamisch und klangfarblich eher wenig gestaltet. Manch ein Zuhörer mag sich gedacht haben, wie man dieses Stück nur so kühl und emotional distanziert darbieten kann. Doch Medvedev nimmt sich an einigen Stellen Freiheiten, zeigt, dass er sich auch auf ein leuchtendes Piano versteht und durchaus über Emotionen verfügt. In der Fuge agiert er auch mit mehr Klangsinn und Zartheit, etwa bei der Vorstellung des Themas.
Dass in ihm ein echter Virtuose steckt, offenbart er in Alexander Glasunows zweiter Klaviersonate. Ob weite Sprünge, schnelle Oktaven oder Läufe, Medvedev meistert das alles mühelos, sein Spiel ist enorm präzise und klar; allerdings rückt er den von Tschaikowsky beeinflussten Romantiker Glasunow eher in die Nähe der perkussiven und motorischen Klavierwerke Sergej Prokofjews. Dass er sich auch auf differenzierte Farben und feine Piano- und Pianissimo-Schattierungen versteht, wird bei Debussy deutlich. In „Pagodes“, dem Eröffnungsstück der drei „Estampes“, drängt sich die Begleitung zwar ein wenig in den Vordergrund, dafür hat „La Soirée dans Grenade“ iberisches Feuer und tänzerischen Schwung.
Auch die pianistisch höchst anspruchsvollen Klavierbearbeitungen von George Gershwins Songs haben Pfeffer und Swing. Da gibt es im gut gefüllten Pianosalon kräftigen Applaus, Medvedev bedankt sich mit der virtuosen ersten Konzertetüde des russischen Jazzkomponisten Nikolai Kapustin.
 
Mario-Felix Vogt